Als ich meine Reise alleine in Portugal startete, war für mich Trampen überhaupt keine Option. Nicht weil ich Angst hatte, ich habe einfach nie daran gedacht. Ob ich mich getraut hätte, wäre diese Möglichkeit in meinem Kopf vorhanden gewesen, weiß ich nicht. Doch nun stehen Julian und ich am Straßenrand und strecken unsere Daumen nach oben. Dazu gekommen ist es aus der Verzweiflung, ohne Auto Madeira zu bereisen. Vor zwei Tagen stapften Julian und ich im Regen 1,5h lang eine Straße hoch zum Wanderparkplatz, um von dort wieder umzukehren. Das Wetter hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn die Wolken verdeckten die schöne Aussicht der Wanderung vom Pico do Arieiro zum Pico Ruivo (und die sollte man bei der Wanderung definitiv nicht verpassen). Ein zweites Mal wollen wir die Straße nicht hochlaufen, denn die Wanderung selbst soll schon anstrengend genug sein. Also versuchen wir einfach, von der nächsten Bushaltestelle einen Lift zum Wanderstart zu bekommen.

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Die Wanderung vom Pico do Areiro zum Pico Ruivo war für uns mit Abstand die schönste! Hier findest du Julians Erlebnisbericht dazu!

Meine erste Tramp-Erfahrung

Ich fühle mich zunächst sehr komisch. Zur leeren Straße strecke ich fleißig meinen Daumen aus, doch als ich das erste Auto höre, ziehe ich zurück. Irgendwie kommt es mir etwas armselig vor, am Straßenrand darauf zu hoffen, dass fremde Leute uns in ihr Auto lassen. In meinem Kopf sind noch viele Vorurteile und Klischees vorhanden. Denken die Leute wir sind zu geizig, um uns ein Auto zu mieten? Ist es zu aufdringlich, fremde Leute um eine Mitnahme zu bitten? Oder haben die Leute Angst, dass wir seltsam sind, komisch riechen oder auch noch nach einem Schlafplatz fragen? Während all diese unangenehmen Gedanken durch meinen Kopf schießen und ich meinen Arm beim nächsten Autogeräusch erneut zurückziehe, hält Julian das Auto an. Ich bin erstaunt wie schnell das ging und merke, wie sich Freude in mir ausbreitet.

Trampen – Ich erkenne die Vorteile nicht nur für uns

Ein deutsches Pärchen, etwa um die 50 Jahre alt, ist so freundlich, uns mitzunehmen. Da die Straße nur zum Pico do Arierio führt, wissen wir, dass sich alle Vorbeifahrenden die Wanderung vorgenommen haben. Der Parkplatz ist schon voll, weshalb unser Fahrer das Auto etwas weiter unten auf der Seite der Straße abstellt. Und hier kommt mir zum ersten mal der Gedanke, dass Trampen nicht nur für uns praktische Vorteile hat. Der Großteil der Autos auf dem Parkplatz besteht aus Mietwägen von Touristen. Schon so früh am Morgen sind die Parkplätze belegt und die Autos reihen sich langsam am Straßenrand. Hätten wir, wie die meisten Touristen auch, einen Mietwagen, würden wir einen Parkplatz mehr besetzen. Außerdem sind viele der Besucher mit dem Mietwagen zu zweit aus Funchal unterwegs. Wie viel Platz, Benzin und somit auch Geld könnten wir sparen, würden sich alle zusammen schließen?

Auf der Wanderung zum Pico do Areiro

Unsere Wartezeit hält sich kurz beim Trampen

Auch auf dem Rückweg haben wir keine Probleme, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Direkt am Parkplatz fährt ein Auto los und spaßeshalber streckt Julian seinen Daumen raus. Ich kann es kaum glauben, doch das Auto hält neben uns an. Ihr Ziel ist allerdings nicht Funchal, weshalb sie uns an der Bushaltestelle rausschmeißen. „Perfekt!“ dachte ich mir, denn genau das war unser Plan: Mit dem Bus hin und zurück und zur Bushaltestelle jeweils Trampen. Also studiere ich den Fahrplan, was etwas herausfordernd ist. Bevor ich den Fahrplan verstehen kann, winkt mich Julian zu sich. Er hat bereits das nächste Auto angehalten. Ein junges Pärchen aus Holland kann uns nach Funchal mitnehmen. Wow! Niemals hätte ich damit gerechnet, dass so viele Leute bereit sind, uns einzusammeln.

Trampen auf Madeira – unsere Lösung

Von der Ausfahrt, wo uns das Pärchen ablädt, gehen wir etwa 20 Minuten zu unserer Unterkunft. Ich kann das Grinsen auf meinem Gesicht nicht verbergen. Es ist schwer zu fassen, was genau mir so eine große Freude bereitet. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus dem unerwartet schnellen Heimkommen und der Freude über hilfsbereite, nette Menschen. Als wir über unsere Abendplanung sprechen, bereuen wir, nicht Kontakte ausgetauscht zu haben. Gerne hätten wir die Gespräche bei einem Getränk mit dem Pärchen weiter geführt. Trotzdem sind wir sehr glücklich und beschließen schon auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft, den Rest der Insel genau auf diese Weise zu bereisen: Trampen!

Ich werde mutiger

Julian klärt mich darüber auf, dass solche kurze Wartezeiten nicht der Normalfall beim Trampen sind. Doch wir haben sehr viel Glück auf Madeira. Am längsten warten wir, als wir in die westliche Mitte der Insel zu den 25 Fontes wollen. 10 Minuten stehen wir neben der Autobahnauffahrt. Mittlerweile traue ich mich auch, meinen Daumen bei vorbeifahrenden Autos auszustrecken. Interessant finde ich die Blicke der Personen, die nicht anhalten. Viele schütteln den Kopf und schauen entschuldigend. Als würden sie uns sagen wollen: „wenn ich nicht zur Arbeit fahren würde und mehr Zeit hätte, würde ich euch mitnehmen!“ . Ich finde das sehr nett und lächele einfach zurück.

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Meinen Erlebnisbericht zu den 25 Fontes findest du hier

Freunde durchs Trampen

Immer mehr stelle ich fest, dass Trampen neben praktischen Vorteilen auch eine gute Möglichkeit ist, neue Leute kennen zu lernen. Gerade auf Madeira ohne gängige Hostelkultur fehlten Julian und mir anfangs die spannenden Begegnungen mit neuen Menschen. Genau diese Begegnungen konnten wir beim Trampen machen! Und das Beste daran: Man lernt, anders als es in Hostels üblich ist, Menschen jeden Alters und aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen kennen! Ich finde das sehr inspirierend. Mit einem deutschen Pärchen verabreden wir uns für zwei weitere Tage, wandern zusammen und teilen unsere Leidenschaft fürs Fotografieren. Ein deutscher Mann wird ebenfalls zu unserem Freund, teilt mit uns seine spannenden Lebensgeschichten und genießt mit uns den Sonnenaufgang am Pico do Arierio. Bei leckerem portugiesischem Essen lassen wir es uns dann zwei mal mit unseren neuen Freunden richtig gut gehen!

Ein perfekter Abschluss

Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl beim Trampen und bin ein stückweit stolz, dass wir so die Insel bereisen. Julian und ich stellen fest, dass fast alle unserer Mitfahrgelegenheiten auch Touristen sind. Viele davon berichten uns, dass sie selbst schon getrampt sind. Mir kommt der Gedanke, dass ich nun ebenfalls offener bin, jemanden bei einer Autofahrt einzusammeln. Vor meiner ersten Tramp-Erfahrung war ich skeptisch, habe ich eine Person am Straßenrand gesehen. Einen Grund kann ich nicht benennen. Vermutlich ist es die Angst vor dem Unbekannten? Nun würde ich auch anhalten. Zum Abschluss unserer Reise als Hitchhiker hält ein einheimisches Ehepaar an. Obwohl wir kein portugiesisch und das Ehepaar kein richtiges englisch spricht, schaffen wir es, uns zu verständigen. Die beiden erzählen uns, dass sie zum ersten mal Tramper mitnehmen. Wir tauschen uns mit Händen und Füßen aus über unsere Hitchhike-Erfahrung, über unsere Familien und unsere Träume. Am Ende der Fahrt gibt es eine herzliche Verabschiedung und sowohl Julian und ich als auch das Ehepaar sind froh, diese Begegnung erlebt zu haben.

Trampen alleine als Frau?

Immer mehr erfüllt das Trampen mein Herz mit Freude und Wärme! Wir lernen viele interessante Menschen kennen, führen tiefe Gespräche und schließen neue Freundschaften. Einige Personen begeistert unsere Art, die Insel zu bereisen. Ich bin überwältigt davon, wie einfach wir von einem Ort zum anderen komme und wie viele Personen bereit sind, uns mitzunehmen. Würde ich mich jetzt auch alleine trauen, zu trampen? Ein etwas mulmiges Gefühl verspüre ich bei dem Gedanken schon, doch definitiv würde ich diesen Schritt aus der Komfortzone gehen!

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Autor

Hi, mein Name ist Christina und ich liebe es, die Welt zu bereisen. Am liebsten erkunde ich beim Reisen die wunderschöne Natur oder lerne neue Menschen aus ganz anderen Kulturen kennen. Auf diesem Blog teile ich meine schönsten Reiseerlebnisse und hilfreiche Tipps fürs Reisen. Viel Spaß beim Stöbern! :)

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